Mittwoch, 12. Oktober 2011

Der Junge im gestreiften Pyjama - John Boyne

Achtung Spoiler!!  

Der Junge im gestreiften Pyjama wird in einigen Literaturkreisen als Klassiker gehandelt, in anderen als Schund. Für mich persönlich liegt das Buch irgendwo dazwischen. Der Fischer-Verlag hat hier bewusst den Klappentext weg gelassen, damit jeder Leser unvoreingenommen an das Buch heran gehen kann. Die Idee dahinter ist gut aber ich glaube fast, dass viele trotzdem vorher schon wissen worum es geht oder zumindest eine Ahnung davon haben. Mir selbst war vor beginn des Buches nur klar, dass es um einen Jungen in der Holocaust-Zeit geht.

Bruno ist neun Jahre alt als er mit seiner Familie Berlin verlässt. Warum er umziehen muss, weiß er nicht. Er weiß nur das seine Mutter gesagt hat, dass der Vater wegen der Arbeit versetzt wurde, weshalb sie nun umziehen müssen. Im neuen Wohnort angekommen ist Bruno enttäuscht: Das Haus hat nur drei Stockwerke und bietet kaum Versteckmöglichkeiten. Zudem gibt es keine Geschäfte, Restaurants oder Cafés. Lediglich ein eingezäunter Bereich mit Baracken vermag er zu entdecken. Dies kann er aufgrund der Zäune nicht betreten, was ihm sein Vater auch untersagt hat und wirklich schön sieht es dort auch nicht aus. Merkwürdig findet Bruno das es dort nur Jungen und Männer gibt, keine Mädchen oder Frauen und alle Männer haben eine Glatze und den identischen gestreiften Pyjama an. Als Bruno eines Tages mal wieder langeweile hat, geht er am Zaun spazieren und entdeckt nach einiger Zeit Schmuel, ein Junge aus dem Barackenbereich, der auf der anderen Seite des Zauns sitzt. Die Beiden kommen ins Gespräch und entwickeln eine zarte Freundschaft. Warum Schmuel auf der schlechten Seite und Bruno auf der guten Seite des Zauns sitzt, bleibt Bruno verborgen, da helfen auch die Andeutungen von Schmuel nicht. Da man den Zaun an der Stelle etwas anheben kann, beginnt Bruno Schmuel Essen mitzubringen. Als Schmuel eines Tages davon berichtet, dass sein Vater weg ist, entschließt sich Bruno seinem Freund zu helfen und zwängt sich unter dem Zaun durch. Das diese Entscheidung ein böses Ende nehmen wird, ahnt der Leser sofort.

Aus der Sicht eines naiven neunjährigen Jungen ist das Buch großartig geschrieben und wird Kindern bestimmt gefallen und ein wenig die Augen öffnen. Für Erwachsene dagegen gibt es einige Kritikpunkte die einem aufstoßen könnten/werden. Mir persönlich ist nicht klar, wie Bruno erst sehr spät eher durch Zufall erfährt, dass er in Polen ist. Nach über einem Jahr ist Bruno nicht in der Lage Auschwitz richtig auszusprechen, obwohl es ihm oft genug gesagt wird. Obwohl sein Vater Lagerkommandant (!) ist und Hitler im Hause gespeist hat, ahnt er nichts vom Holocaust, geschweige das er weiß was Juden sind, geschweige denn das er weiß ob er selbst ein Jude ist. Ich könnte noch weitere Dinge ergänzen, mache aber an dieser Stelle schluss damit.

Fazit: Für eine gewisse Altersgruppe ein wirklich gutes Buch. Wer sich jedoch mit dem Thema schon beschäftigt hat (auch jüngere) wird das Buch wohl nicht so mögen, geschweige es für einen Klassiker halten. Ich persönlich finde das Bruno keinem neunjährigem Kind entspricht. Ich weiß wie neugierig Neunjährige sind und wie sie einem mit Fragen löchern können. Mir ist Bruno etwas zu naiv und blauäugig dargestellt. Aber vielleicht ist das wie so oft auch Geschmackssache. Leseempfehlung daher nur bedingt.

Kommentare:

  1. Wurde das nicht auch sogar verfilmt? Ich meine da hab ich mal was im TV gesehen...

    AntwortenLöschen
  2. Japp, den Film kenne ich aber nicht.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Jana, Du solltest allerdings nicht außer Acht lassen, wie Kinder in dieser Zeit behandelt wurden, da gab es doch die neugierigen Fragen, die unsere Kinder heutzutage zu aufgeweckten Menschen machen, gar nicht. Schon gar nicht in einem derartigen Haushalt! Meine Mutter hat den Krieg erlebt und auch sie hatte bis zum Kriegsende nicht wirklich eine Ahnung, worum es ging. Kindern wurden doch damals keine Fragen beantwortet, sie mussten funktionieren. Es ging zu dieser Zeit doch um Kadavergehorsam, nicht darum, selbst zu denken. Das kam doch in diesem unserem Lande erst gegen Ende der 60er Jahre wirklich zum Tragen.

    Zudem ist die Mutter von Bruno schon so gezeichnet, als wenn sie eher auf der Seite der Mutter des Kommandanten steht, die ja eher gegen die Nazis war. Dies würde die Isolation Brunos von dem Thema erklären.

    Für Kinder (ich sag jetzt mal unter 12 und ohne Vorwissen) finde ich das Buch überhaupt nicht geeignet, da Kinder mit dem emotionalen Kick dieser Geschichte Schwierigkeiten bekommen können. Um Kinder aufzuklären gibt es sicherlich besseres (Judith Kerr oder auch Dana Vavrova)!

    Als Bestseller würde ich es persönlich auch nicht handeln, andererseits finde ich die Vorgeschichte des Buches auch nicht soooo wichtig, da der eigentlich Brennpunkt ja in dem Moment liegt, in dem Bruno unter dem Zaun durchkriecht... Mit wem hat der Leser hier Mitgefühl???? Wohl eher ein Buch, dass aufrütteln und zum Nachdenken anregen soll.

    AntwortenLöschen